Tillmann Siebel

28.7.1804 in Freudenberg geboren
29.7.1804 in Freudenberg getauft
15.9.1875 in Freudenberg gestorben
18.9.1875 in Freudenberg beerdigt

Über Jahrzehnte war der Gerbermeister Tillmann Siebel die führende Persönlichkeit der Erweckungsbewegung im Siegerland. Aus einem von ihm initiierten „Missions-Hülfs-Verein“ entwickelten sich zahlreiche Gruppen und Vereine, die Freudenberg geistlich prägten. Mit seiner Gründung des „Vereins für Reisepredigt“ im Jahr 1853 hat Siebel die Anfänge des heutigen „Evangelischen Gemeinschafts-verbandes Siegerland und Wittgenstein“ maßgeblich beeinflusst. Trotz starker Differenzen mit Pfarrer Christian Groos gehörte er in der Zeit von 1839 bis 1858 dem Presbyterium an. Er trat ein für die enge Zusammengehörigkeit von Kirche und Gemeinschaftsbewegung.

Tillmann Siebel - sein Leben

Eine Abbildung von Tillmann Siebel gibt es nicht, weil er mit Hinweis auf das Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ablehnte porträtiert zu werden. Ein Zettel von einer Musterung für den Militärdienst nennt als äußere Merkmale des Dreißigjährigen: Fünf Fuß und 5 Zoll groß, also etwa 1,70 m, blondes etwas krauses Haar, blaue Augen.

Am 20. November 1835 heiratete Tillmann Siebel mit 31 Jahren die drei Jahre jüngere Anna Maria Krämer. Nach 16 Jahren Ehe, am 12. Juni 1851, wurde eine Tochter (Marie Auguste) geboren. Diese starb allerdings schon am 5. März 1852, abends um 8 Uhr, starb Marie Auguste Siebel im Alter von 8 Monaten und 23 Tagen an Stickhusten und Masern. Weitere Kinder bekamen die Eheleute nicht.

Tillmann Siebel -  der „Vater der Erweckung“

Im Jahr 1822 wurde in Freudenberg eine geistliche Erweckung aktenkundig. Über die Vorgänge dieses Jahres gab Ortspfarrer Fuchs einen ausführlichen Bericht an den Siegener Superintendenten Bender: „Ew. Hochwürden Aufforderung […] ermangele ich nicht, Ihnen, wie ich schon am 20ten September berichtet habe, hiermit abermals zu melden, daß sich im hiesigen Orte aus schon früher bestandenen kleineren Gesellschaften ein grös[s]erer Erbauungsverein im verflossenen Sommer gebildet hat. Die Anzahl der Theilnehmer beträgt ohngefähr 40 bis 50 Personen beiderley Geschlechts und von verschiedenem Alter. Die erste und meiste Anleitung zur Bildung dieses Vereins, der sich die Brüdergemeine nennen soll, mag wohl, wie ich gehört habe, ein gewisser Mann, Namens Triebholz aus Elzeroth im Homburgischen gegeben haben […]. Noch am verflossenen Sonntage ist derselbe mit einem andern Mann, Namens Weber, welcher ebenfalls gepredigt haben soll, hier gewesen. Die Erbauungsstunden werden des Sonntags nach geendigtem nachmittäglichen offentlichen [!] Gottesdienste in der Behausung des hiesigen Faßbinders Stahlschmidt gehalten. Derselbe leitet auch diese Erbauungsstunden […].“

Vom Standpunkt der Erweckten schreibt später Heinrich Severing: „Im Jahre 1822 entstand eine gesegnete Erweckung unter den jungen Leuten beiderlei Geschlechts. Die später wohlbekannten Christen: Tillmann Siebel, Bergverwalter Siebel, Johannes Siebel Ehrichs Sohn, Johannes Siebel Geometers Sohn, Johann Heinrich Krämer u[nd] s[o] f[ort] waren unter diesen. Der bestürzte Pastor erklärte nun eines Sonntags auf der Kanzel, es sei ein Feuer ausgebrochen in seiner Gemeinde, und er fordere seine Aeltesten, sowie alle wohlgesinnten Gemeindeglieder auf, dasselbe löschen zu helfen.“

Die Berichte machen deutlich, wie wenig man über die Erweckung von 1822 sagen kann: Die in beiden Texten genannten Personen sind völlig andere. Die Rolle Siebels bleibt unklar. Allerdings kann man Bezüge nach Wuppertal nachweisen. Hier nämlich hatte er Kontakte zu den Gründungsvätern der Elberfelder Missionsgesellschaft, namentlich dem Lederhändler Diedrichs, sowie zu Gottfried Daniel Krummacher.

Tillmann Siebel - der Beter

Etwa um 1830 wurde durch Initiative von Tillmann Siebel ein „Leseverein“ in einen „Missions-Hülfs-Verein“ umgewandelt. Von dessen Versammlungen ist auch in einem Bericht die Rede, die der spätere rheinische Pfarrer Karl Reinhold anonym unter dem Titel „Aus dem Leben eines Unbekannten oder: vom Gerbergesellen zum Pastor“ gegeben hat. Reinhold hatte durch Vermittlung eines Onkels 1841 bei Siebel eine Lehre als Gerber begonnen und auch in Siebels Haus gewohnt. Er schrieb später: „Sonntag Abends aber war der Höhepunkt des gottseligen Lebens, das hier herrschte. Dann hielt der Meister eine Erbauungsstunde, sprach entweder selbst gesalbte, herzerquickende Worte, oder las eine Predigt vor. Mit Gebet und Gesang wurde begonnen. Wer nun die Gabe hatte, oder dazu gedrängt sich fühlte, der trug seine Seufzer und sein Herzensanliegen dem Herrn vor. Da habe ich von Meistern, Knechten, Gesellen ernste, von wahrhaftiger Lebensgemeinschaft mit dem lebendigen Gott zeugende Gebete gehört.“

Ganz anders der Bericht, den Pfarrer Groos 1834 über die selben Versammlungen nach Siegen sandte: „Missionsstunden nennen die hiesigen Pietisten seit einigen Jahren ihre religiösen Conventikel, welche zu Anfang jedes Monats an zwei verschiedenen Abenden, an einem für das männliche, am andern für das weibliche Geschlecht gehalten werden. Sie fangen, wie ich in meiner Wohnstube hören kann, mit Gesang an. Darauf folgt ein Gebet oder ein Eingang zu einer Rede und Betrachtung. Nach dem zweiten Gesange folgt diese Rede oder Betrachtung. Ob sie frey vorgetragen oder vorgelesen wird, weiß ich nicht. Wahrscheinlich werden auch Missionsberichte usw. vorgelesen. Nach dem 3ten Gesang wird mit einem Gebet geschlossen, welches schon, seines Gehaltes und seiner Form nicht zu gedenken, des Tones, der zitternden und heulenden Stimme, wie auch der Seufzer des Betenden wegen, von einem Vernünftigen nicht kann angehört werden.“

Das Gebet ist das Hauptthema bei der intensiven Korrespondenz mit dem Württemberger Johann Christoph Blumhardt. Seit 1850 standen die beiden in engem brieflichen Kontakt, 74 Schreiben sind nachweisbar. Siebel hat für mehr als 200 Personen um Fürbitte bei Blumhardt nachgesucht. Von diesen ist bei 160 zumindest der Name bekannt, 19 sind eindeutig zu identifizieren.

Tillmann Siebel - der Gründer von Vereinen und Gruppen

Neben dem schon erwähnten Missions-Hilfs-Verein war Siebel an der Gründung folgender Gruppen und Kreise beteiligt:

• Sonntagsschule (1838)
• Enthaltsamkeits-Verein (1843)
• Frauen und Jungfrauen Missions-Verein (1846)
• Kreis um die Bibel = „Alter“ Jünglingsverein (1849)
• Kinder-Missions-Nähverein (1854)

Besondere Bedeutung hat der Verein für Reisepredigt, dessen Statuten 1853 vom Konsistorium genehmigt wurden. Bis heute besteht er unter den Namen „Evangelischer Gemeinschaftsverband Siegerland und Wittgenstein“ fort.

Literatur:

• [Karl Reinhold]: Aus dem Leben eines Unbekannten. I. Umwege und doch gerader Weg. Mit einem Vorwort von Dr. F. Fabri, abgedruckt aus den „Jugendblättern“ von Dr. Barth und Dr. Gundert, Stuttgart 1867. Nachdruck unter dem Titel: Aus dem Leben eines Unbekannten oder: Vom Gerbergesellen zum Pastor. Neue Ausgabe Neukirchen [1910].
• Ed[uard] Bernoulli: Bericht über den Verein für Reisepredigt im Kreise Siegen und über meine Reise im Dienste desselben[,] vorgetragen im Verein christlicher Gemeinschaft. Als Manuscript für Freunde gedruckt, Olpe 1877.
• H[einrich] Severing: Die christlichen Versammlungen des Siegerlandes im Lichte der allgemeinen Geschichte des christlichen Lebens[,] nebst Mittheilungen über den Verein für Reisepredigt im Kreise Siegen, Haardt 1881.
• L[udwig] Tiesmeyer: Die Erweckungsbewegung in Deutschland während des XIX. Jahrhunderts. Heft 2: Das Siegerland, das Dillthal und das Homburger Land, Kassel 1902.
• Walther Alfred Siebel [= Großneffe Tillmann Siebels]: Tillmann Siebel. Der Vater des christlichen Lebens im Siegerland, Sonder-Abdruck aus dem Reformierten Jahrbuch 1925/[19]26, Elberfeld 1925. Neu hg.v. Jakob Schmitt, Wuppertal-Barmen 1947.
• Wilhelm Neuser: Kirchengeschichte des Siegerlandes von 1835–1930, in: Kirchenkreise Siegen und Herborn (Hgg.): Die Evangelische Kirche in Nassau-Oranien 1530–1930. Festschrift zum Gedächtnis der Einführung der Reformation (1530) und des Heidelberger Katechismus (1580) in den Grafschaften Nassau-Dillenburg und Nassau-Siegen, Siegen 1931.
• Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und in den angrenzenden Gebieten, Weidenau 1953; unveränderter Nachdruck der 3. durchgesehenen Auflage Gießen 1984.
• Wilhelm Neuser: Tillmann Siebel und seine Bedeutung für die Volkskirche. Vortrag, auf der Tagung des Vereins für westfälische Kirchengeschichte zu Siegen am 9. November 1953 gehalten, Sonderdruck aus dem Evangel[ischen] Sonntagsblatt für Westfalen „UNSERE KIRCHE“, Ausgabe D. (Beilage „Aus dem Kirchenkreis Siegen“), o. O. o. J. [1954].
• Rudolf Vandré: Die erste Krise der Siegerländer Erweckung in den Jahren 1834/1836 und ihre Ursachen, JWKG 73 (1980), S. 61-83.
• Rudolf Vandré: Ein empfindlicher Dämpfer für Tillmann Siebel und die Versammlungen in Freudenberg, JWKG 88 (1994), S. 198-217.
• Bernd Steinseifer: [Art.:] Siebel, Tillmann (1804–1875), in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), Wuppertal/Zürich 1994, S. 1836.
• Walter Heinrichs: [Art.:] Siebel, Tillmann, in; BBKL X, Herzberg 1995, Sp. 36-39.
• Ulrich Weiß: Gemeinschaftsmann als Bewahrer von Glauben und Geist. Tillmann Siebel wurde vor 200 Jahren in Freudenberg geboren/Streit unter Brüdern/Gründung des Vereins für Reisepredigt, in: Siegener Zeitung, 31.7.2004, S. 20.
• Bernd Steinseifer: Kapitel 6: Kirchengeschichte, 10. Tillmann Siebel (1804–1875) und die Erweckungsbewegung, in: Bernd Steinseifer (Hg.): Freudenberg. Beiträge zur Geschichte der Stadt und des früheren Amtes. Zur 550-Jahr-Feier vorgelegt von der „Arbeitsgemeinschaft Freudenberger Geschichte“, Kreuztal 2006, S. 294-306.
• Thomas Ijewski: „Folgende Kranke in Ihre Fürbitte aufnehmen“. Tillmann Siebel und seine Briefe an Johann Christoph Blumhardt, JWKG 108 (2012), S. 127-197.

Thomas Ijewski

 

 

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